Extrem Wildwasser WM 2010

Die Welt des Kajaksports blickte im Herbst 2010 wieder mit Spannung nach Österreich, wo
im Ötztal (Tirol) vom 1.-3. Oktober die Weltmeisterschaft im extremen Wildwasserfahren
ausgetragen wurde. Die Anforderungen lagen nah an der Grenze des Machbaren. Im Finale
der „Top 48“ musste auf der Ötz die berühmt-berüchtigte Wellerbrückenstrecke (Länge 230m,
Schwierigkeitsgrad V-VI) bezwungen werden.


Es war auch sonst eine Veranstaltung der Superlative: Über 140 Teilnehmer – darunter die Besten
der Welt – und eine nie da gewesene Leistungsdichte versprachen Sport auf höchstem Niveau.
Allerdings prallten zwei unterschiedliche Lager aufeinander: Einerseits die High-Speed-Spezialisten,
u.a. Olympiasieger und Weltmeister im Wildwasserslalom, auf der anderen Seite die Extrem-Kajaker, die
ihre Herausforderung im Bezwingen von Höchstschwierigkeiten sehen.
Zur zweiten Kategorie gehört auch Stefan Finsinger vom
Faltbootclub Heidenheim, der bereits durch
spektakuläre Erstbefahrungen für
Aufsehen gesorgt hat. Sein Ziel war es diesmal, sich
wenigstens fürs Finale zu qualifizieren. Eine
realistische Erwartung, denn mit etwa fünf mal zwei
Stunden Training pro Woche, mehr lässt sein Beruf
nicht zu, hat man kaum eine Chance gegen die
Spitzenathleten aus den Nationalmannschaftskadern,
die in den Leistungszentren über 30 Stunden pro Woche
unter besten Bedingungen trainieren. Davon können die
Heidenheimer Kajaker nur träumen. Geeignetes
Wildwasser gibt`s erst meilenweit entfernt –
entweder auf dem
Eiskanal in Augsburg oder irgendwo in den Bergen.
Der Wettbewerb begann für Stefan Finsinger nicht wie gewünscht, es fehlte noch der passende
Rhythmus, aber Rang 57 genügte ihm, um sich die Chance für ein Weiterkommen zu erhalten.
Im zweiten Quali-Rennen konnte er sich, voll auf Angriff eingestellt, deutlich steigern. Mit einer
phantastischen Fahrt landete er auf Rang 8, der Einzug ins große Finale war geschafft.
Jetzt war beinahe alles möglich! Eine Sensation lag zum Greifen nah, aber auf der Wellerbrückenstrecke wird den Athleten das Letzte abverlangt. Bei derart extremen Bedingungen – enormes,
verwinkeltes Gefälle, brachiale Wasserwucht, meterhohe Stufen und knallharte Walzen – bewegt
sich der Kajaker stets am Limit. Der kleinste Fehler bedeutet gleich den Verlust von mehreren
Sekunden, entscheidet über Sieg oder Niederlage. Außerdem, jetzt im Head-to-Head-Race erreichte
nur der Sieger die nächste Runde….
Die zahlreichen Zuschauer erlebten dann ein hochdramatisches Finale, eine Demonstration der
großen Kunst des Downhill-Kajakens. Unglaublich wie die Wildwasserartisten mit zentimetergenauer Präzision ihre 260 cm langen Kajaks durch diesen Naturslalom steuerten – ein Ergebnis
perfekter Abstimmung von Mut, Kraft, Balancegefühl und Reflexen.
Stefan Finsinger fuhr ein beherztes, sehr gutes Rennen, wählte allerdings die kompliziertere,
scheinbar schnellere Linie. Er hätte sich besser anders entschieden – wie sein direkter Gegner
aus Frankreich. Der war schneller, eine Sekunde nur, nicht mehr als ein Wimpernschlag.
Der Rückstand auf den späteren Sieger betrug lediglich 11 Sekunden! Am Ende bedeutete
dies Rang 38, ein Erfolg, den man nicht hoch genug einstufen kann, vor allem wenn man die
oben genannten Bedingungen bedenkt. Ein weiterer Grund zur Freude: Unter den ersten
Vierzig konnten sich nur wenige „Amateure“ platzieren, Drittbester – Stefan Finsinger.
Zu den Verlierern gehörte auch Mike Dawson (Neuseeland). Der bis dahin führende Favorit
war in einer Walze hängen geblieben und auf Rang 13 zurückgefallen. Es siegte Sam Sutton
(Neuseeland, 0:58,85) vor Michele Ramazza (Italien, 1:00,99) und Lukas Kalkbrenner
(Deutschland, 1:01,13).
Text: Hartmut Uhl
Fotos: Benjamin Abel