Belgien ist mehr als Frits und Bier


Paddeltour auf der Semois in den südlichen Ardennen
Vom 9. – 15. Mai 2010


Als ich im April 2009 von dem Ort Rochehaut etwa 200 Meter über dem Fluss auf die
Talschleife der Semois hinab schaute sagte ich spontan: „auf dem Fluss will ich
einmal paddeln“. Wieder zu Hause stellte ich einige Recherchen über die Semois an
und diese bekräftigten mich noch mehr in diesem Entschluss. Als ich den Vorschlag
einer Paddeltour auf der Semois dann bei der Programmbesprechung des FCH für
das Jahr 2010 einbrachte, wurde er zu meiner Freude in das Programm
aufgenommen.


Ich sag’s gleich vorweg: was ich mir vor Jahresfrist beim Anblick des Flusses
vorgestellt hatte, wurde nun auf der Tour nicht nur wahr, sondern übertraf meine
Vorstellung noch bei weitem.
Aber der Reihe nach. Haken wir mal das Negative ab: Es war kalt, nachts so um die
4 Grad, tagsüber zwischen 9 und 12 Grad. Es hat zeitweise geregnet. Zum Glück
nicht sonderlich, wenn wir auf dem Wasser waren. Aber der Campingplatz wurde im
Verlauf der Woche immer matschiger. Die Einfachzeltbewohner Werner Jooß und ich
waren davon stärker betroffen. Hannelore und Reinhard haben ja ein Komfortzelt.
Und die weiteren Teilnehmer konnten in ihren Wohnwagen den Kälte- und
Nässestrapazen besser trotzen. Nun – und hier beginnt das Positive – zeigte sich
wahre Kameradschaft. Werner wurde morgens bei Petra und Manfred im
Wohnwagen aufgetaut und mich haben Käthe und Werner in ihrem Wohnwagen in
ihre Obhut genommen. Abends saßen wir ohnehin dichtgedrängt im Vorzelt von
Petra und Manfred und hier sorgte die körperliche Nähe und der in verträglicher
Dosierung zu sich genommene Alkohol für die angenehme Wärme. Diese
Vorgehensweise war zweckdienlich, von nachträglichen Erkältungen ist nichts
bekannt.
Unser Standplatz war der Campingplatz „ Camping De La Semois“ in der Nähe des
Ortes St. Cécile. Nicht gerade „grand luxe“, aber mit Allem versehen, was man
benötigt und immer sauber gehalten Drei sympathische Holländerinnen kümmerten
sich um unsere Belange und verbreiteten Wohlfühlatmosphäre. Der Platzchef
kümmerte sich mehr um die Pferde und die Esel. Zum Frühstück gab es frische
Brötchen und natürlich auch Baguette. Der Platz liegt malerisch direkt am Fluss und
bildete den Schnittpunkt zwischen unserer ersten und zweiten Touretappe. Man
hatte uns ein zusammengehörendes Areal zugewiesen, sodass unsere Zeltstadt und
Wagenburg in trauter Nachbarschaft etabliert war.
Petra und Manfred Herrmann sind als Vorhut und Quartiermacher schon am
Samstag dem 8. Mai angereist. Die übrigen Teilnehmer Käthe und Werner Fork,
Hannelore und Reinhard Ludewig, Werner Jooß, Gisela und Manfred Renz und ich
sind dann im Laufe des Sonntagnachmittag eingetrudelt. Manfred H. und ich haben
den Nachmittag gleich mal zur Erkundung unserer ersten Einsatzstelle in Chiny
genutzt und uns für den Start am nächsten Morgen schon mal einen ersten Eindruck
verschafft. Während sich die Paare dann am Abend selbst verköstigt haben, sind
Werner J. und ich losgezogen, die Campingplatzküche zu testen. Viel zu testen
gab´s allerdings nicht. Das Speiseangebot beschränkte sich auf Frits und Frikadelle.
Die Bierauswahl war dann schon wesentlich umfangreicher und wir blieben an einem
leckeren dunklen Trapistenbier hängen. Also die Güte der belgischen Frits ist nicht
nur ein Mythos, sie sind wirklich absolute Spitze.
Montag früh um 10:00 Uhr ging´s dann los zur ersten Etappe von Chiny bis zu
unserem Campingplatz über 25 Km. Mit Rücksicht auf die Angler ist Paddeln von
10:00 bis 17:00 Uhr erlaubt. Ein- und Ausstieg sind nur an den dafür markierten
Stellen erlaubt. Diese sind vom Fluss aus gut sichtbar markiert, sind aber auch
naturbelassen ohne irgendwelche Anlegehilfen. Chiny und Bouillon waren da die
einzigen Ausnahmen. Im Kanuführer des DKV steht zur Semois geschrieben: „Die
Semois ist ein geruhsamer Wanderfluss in einer zumeist recht reizvollen,
streckenweise sogar sehr schönen Landschaft im Bereich der westlichen Ausläufer
der Ardennen. Auf kurzen Abschnitten leichte Stromschnellen die kaum je WW I
erreichen. „
Schon die erste Etappe hat uns die Richtigkeit dieser Beschreibung bestätigt. Die
Semois schlängelt sich in weiten Bögen durch die Ardennenberge. Dabei verengt
sich das Tal mitunter mit steilen Hängen und Felspartien bis an das Flussufer oder es
weitet sich auch mal am Innenradius der Bögen. Die Flussufer sind weitestgehend
bewaldet mit Mischwald aber auch reinem Tannen- und Fichtenwald. Streckenweise
auch mal Wiesen und Buschwerk. Das faszinierende aber ist die absolute
Naturbelassenheit. Da nur alle fünf bis zehn Kilometer mal ein Dorf am Fluss liegt
und keine Strasse in Flussnähe verläuft ist keinerlei Zivilisationsgeräusch zu
vernehmen. Man ist mit der Natur alleingelassen und wird nur vom Fliessgeräusch
des Flusses begleitet und natürlich von der Unterhaltung von Boot zu Boot.
Jemand sagte mal unterwegs: man fühlt sich fast wie in Kanada. Statt eines Grizzly
haben wir aber nur einen Fuchs mit einem Jungtier gesehen.
Das Wasser ist sehr sauber und klar. Der Wasserstand war gut. Das wirkte sich
positiv im Hinblick auf die doch recht häufigen Abschnitte mit Steinen und
Steinbarrieren im Fluss aus. Dennoch waren das Schrammen über Steine und auch
mal ein gelegentlicher Aufsetzer nicht zu vermeiden. Auf den steinigen Abschnitten
musste man dem Fluss schon Aufmerksamkeit schenken und nach der geeigneten
Passage Ausschau halten. Mein funkelnagelneuer Kanadier hat jedenfalls etliche
Narben am Bauch davongetragen und ist jetzt ein gestandenes Wanderboot.
Ja, alles hätte so friedlich sein können, wenn da nicht die Schwäne gewesen wären.
Diese scheinen Paddler absolut nicht zu lieben. Sobald uns ein Schwan gesichtet
hatte ging er in Angriffshaltung auf unsere Boote los. Ein Schwan verfolgte uns bald
über einen Kilometer mit spektakulären Flugeinlagen. Aber der ultimative Biss ins
Fleisch oder Landung im Boot blieb dann doch aus.
Der in Publikationen über die Semois immer wieder erwähnte starke Bewuchs an
Hahnenfuss war bereits deutlich sichtbar. Noch konnten wir relativ unbeeinträchtigt
darüber hinweg paddeln. Es war aber gut vorstellbar, dass es an manchen Stellen
vier Wochen später wohl kein Durchkommen mehr gegeben hätte.
Als dann gegen Ende der ersten Etappe die urige Kirche von Chassepierre mit dem
charakteristischen Kirchturm die Annäherung an unseren Campingplatz ankündigte,
hatten wir schon mal eine wunderschöne Paddelerfahrung auf der Semois „im Sack“.
Für die zweite Etappe haben wir den Startpunkt vom Campingplatz nach
Herbeumont verlegt. Die Streckenbeschreibung hat für den Abschnitt zwischen
unserem Campingplatz und Herbeumont felsige Abschnitte und Verblockungen
ausgewiesen. Deshalb haben wir beschlossen, bei dieser kalten Witterung nichts
riskieren zu wollen.
In Herbeumont haben wir am Campingplatz vor der eindrucksvollen alten
Eisenbahnbrücke eingesetzt, an dem sich im Jahre 1990 schon mal eine Gruppe des
FCH aufgehalten hatte. Hierüber gibt es einen Fahrtenbericht von Hans Faust.
Unser Ziel war an diesem Tag Mortehan mit einer Streckenlänge von 12 Km.
Wieder waren wir von dem Fluss und der ihn umgebenden Natur tief beeindruckt.
Einziger Wermutstropfen war Käthes Kenterung an dem etwas ominösen
Umlaufkanal an einem Wehr, der in einer senkrechten Stufe endete, die für lange
Boote gefährlich ist. Das war natürlich bei dem kalten Wetter eine absolut
ungemütliche Angelegenheit, die Käthe mit der ganzen Coolness einer erfahrenen
Fahrensfrau weggesteckt hat. Als ich Käthe kentern sah, habe ich meinen Kanadier
dann doch lieber über die Wiese gezogen, denn mir wäre mit dem langen Kahn
sicher das Gleiche passiert. Ich war Käthe für ihre Warnung dankbar.
Pünktlich mit dem Ausstieg in Mortehan setzte dann auch wieder Regen ein.
Den folgenden Tag haben wir dann zum Kulturtag erklärt und uns die Besichtigung
der Stadt und der Burg in Bouillon vorgenommen. Geschichtlich hat diese Burg eine
besondere Bedeutung: es war die Stammburg des Grafen Gottfried von Bouillon, der
als Führer des ersten Kreuzzuges im Jahre 1096 ins Heilige Land gedient hat. Er war
vor seinem Tod zwei Jahre auch Herrscher in Jerusalem. Er gilt außerdem als der
Erfinder der berühmten Bouillonsuppe. Er hatte natürlich auf dem langen Marsch
nach Jerusalem das Problem der Ernährung seiner Ritterschaft zu lösen. In
Ermangelung von Kühlboxen war Fleisch nur begrenzt haltbar. Also wurde Fleisch
gekocht und die Brühe in Fässer geschüttet und war somit länger haltbar. Wenn man
sich diese Brühe ohne Salz und Pfeffer – Maggiwürfel gab´s auch noch nicht –
vorstellt, dann hat sie wohl mit einer heutigen Bouillon Gott sei Dank nicht viel
gemein.
Die Burganlage auf dem Umlaufberg der Semois ist ein mächtiges und
beeindruckendes Baudenkmal des frühen Mittelalters. Die mächtigen Mauern, engen
Gänge, düsteren Gewölbe und kahlen Hallen lassen den Gedanken nur schwer
aufkommen, dass das Leben zu jener Zeit sehr gemütlich gewesen sein könnte.
Gewürzt wurde der Besuch mit einer Greifvogelschau im Burghof. Eulen, Geier und
Adler sausten nur wenige Zentimeter über die Köpfe der Zuschauer. Ein ebenfalls
anwesender Kondor durfte zum Glück nicht fliegen. Der hätte wohl einen packen und
in die Semois schmeißen können.
In einem kleinen Restaurant am Fuße des Burgberges haben wir uns dann mit Speis
und Trank – ohne Bouillonsuppe – wieder in die Neuzeit versetzt .
Die dritte Etappe unsere Paddeltour haben wir am Donnerstag an der Furt von Maka
in der Nähe von Les Hayons begonnen. Dort haben wir auch einen ansprechenden
Campingplatz vorgefunden. Unser Etappenziel für diesen Tag war Bouillon. Der
Charakter des Flusses war wiederum von der unberührten Natur geprägt . Auf den
22 km bis Bouillon passierten wir nur eine Ortschaft. Hier sichteten wir einen
Vermieter von Booten und bestaunten den riesigen Stapel von Booten am Ufer.
Dabei wurde uns bewusst, dass das kühle und feuchte Wetter auch seine gute Seite
hatte: die Freizeitkapitäne blieben dem Wasser fern. Bei sonnigem und warmem
Wetter wäre an diesem Himmelfahrtstag wohl ein eher höllisches Gedränge auf dem
Fluss gewesen. Wie sagte doch schon der brave Soldat Schwejk: „ es hat alles
seinen tieferen Sinn“. Beim Umrunden der letzten Biegung vor Bouillon tat sich
plötzlich eine eindrucksvolle Perspektive mit dem Burgberg vor uns auf. Vor dem
ersten Wehr in Bouillon war die Fahrt für diesen Tag nach 22 Km beendet.
Im Hinblick auf die vierte und letzte Etappe haben sich die Geister dann geschieden.
Die geplante Etappe sollte von Bouillon nach Alle führen. Die beiden Manfreds und
Werner Jooß hat es aber gejuckt, dass wir die Strecke von unserem Campingplatz
bis Herbeumont ausgelassen haben. Sie wollten sich dieser Herausforderung einfach
noch stellen. Also haben wir uns aufgeteilt: die drei Hardliner machten sich auf den
Weg vom Campingplatz nach Herbeumont und die übrigen Teilnehmer haben sich
die Strecke ab Bouillon vorgenommen.
Nach dem Start in Bouillon haben wir die Stadt vom Fluss aus besichtigt und den
Burgberg in einer 180 Grad –Schleife umfahren.

Nach Bouillon folgte dann wieder eine enge Flussstrecke bis zum einzigen Ort an
diesem Abschnitt Poupehan. Nach Poupehan folgte dann die große Schleife auf
deren Höhe der eingangs erwähnte Ort Rochehaut liegt. Nun ging der Blick aber in
umgekehrter Richtung vom Fluss nach oben. Einsetzender Regen und auch heftiger
Gegenwind ließen die letzten vier Kilometer lang werden und so waren wir dann froh,
die 27 Tageskilometer hinter uns gebracht zu haben.
Auf der Rückfahrt haben wir in Rochehaut noch den herrlichen Ausblick auf die tief
unten verlaufende Semois und die Ardennenberge genossen. Meine Begleiter
konnten die stimulierende Wirkung dieses Anblickes bestätigen.
Beim Zusammentreffen auf dem Campingplatz wurde von der anderen Gruppe
erzählt, dass es wohl eine verblockte Strecke gab, die sich aber für etwas Geübte als
durchaus fahrbar herausgestellt hatte.
Bei einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant des Campingplatzes bei Steak
& Frits und leckerem belgischen Bier haben wir die gewonnen Eindrücke und
Erlebnisse nochmals Revue passieren lassen und es war wohl allgemeiner Konsens,
dass die Tour die Reise wert war. Ich denke wir sind alle mit dem Bewusstsein nach
Hause gefahren, dass Belgien auch für Paddler Attraktives zu bieten hat. Neben der
Semois gelten ja auch die Ourthe und die Lesse als schöne Paddelgewässer.
Also sagen wir einfach mal AU REVOIR.
Jürgen Stadelmann