Einmal etwas ganz anderes: Eine mehrtägige Gepäckfahrt. Jürgen hatte diese Idee, und er bestand
beharrlich darauf, dass man so etwas einmal macht. Für einen Fluss wie die Spree ist auch alles andere als
eine Gepäckfahrt ungeeignet. Er sagte mal: “Ich fahre auch allein, wenn sich kein Mitstreiter findet“.
Aber eine Gepäckfahrt, bei der alles Notwendige im Boot mitgeführt werden muss und wo man in
niedrigen Zelten Unterschlupf findet, ohne Tisch und Stuhl, ist schon für uns zivilisierte Menschen etwas
beschwerlich. Darüber muss man sich im Klaren sein, wenn man so etwas unternimmt. Aber wir haben es
auf uns genommen und haben dabei eine schöne Paddeltour erlebt. Es war ja auch alles so gut von Jürgen
vorbereitet; die Tagesetappen lagen fest und konnten auch exakt nach Plan eingehalten werden.
































Die Mannschaft mit ihren Booten
Natürlich konnten wir Jürgen nicht allein auf die Spree lassen. Und außerdem faszinierte dieses Vorhaben
doch zu sehr und nach einigem Abwägen der eventuell Interessierten stand schließlich eine 3-köpfige
Fahrtengruppe fest: Jürgen, Birgit und Werner. Jürgen und Birgit wollten im Canadier fahren, Werner in
einem Klepper-Einerfaltboot. So konnten die Boote mit Jürgens PKW transportiert werden und auch das
Gepäck passte ohne Probleme in die Boote.
Das Faltboot wird aufgebaut
Jürgen hatte nach Vorlage einer Fahrtenbeschreibung aus dem Kanusport eine Strecke vom Spreewald bis
vor den Toren von Berlin ausgewählt mit Tagesetappen von jeweils etwa 25 km und mit einer
Gesamtlänge von etwa 170 km. Das war gut ohne Zeitnot und Stress in den geplanten 8 Tagen auf dem
Wasser zu bewältigen, und es blieb auch noch Zeit, kleine Rundgänge durch die wenigen Städtchen am
Fluss oder zu besonderen interessanten Orten zu machen. Die Spree hat im Spreewald schon eine weite
Strecke von etwa 175 km zurückgelegt. Durch den Spreewald geht es erst nordwärts, dann holt die Spree
etwas nach Osten aus und kommt von dort nach Berlin. Sie hat auf der von uns befahrenen Strecke nur
geringe Strömung, im Spreewald praktisch 0. Während unserer Tour herrschte eine Schön-Wetter-Periode
mit angenehmen Temperaturen, nur an einem Tag hat es mehrmals kräftig geregnet.
Der Ausgangsort für unsere Fahrt war Burg direkt am südlichen Zipfel des Spreewaldes beim
Campingplatz “Jägerhof“. Dort stellten wir unsere Zelte auf, bauten den Kleppereiner zusammen, und
dort parkte auch Jürgen sein Auto für die Dauer unserer Paddeltour.
Am ersten Tag ging unsere Fahrt durch den immer wieder schönen Spreewald- und auch diesmal wie vor
ein paar Jahren mit einer kleinen Irrfahrt im Labyrinth der Fließe- bis nach Lübben. Unterwegs
begegneten uns viele typische Spreewaldkähne mit Touristen aber auch der Postbote, sowie Handwerker
und Bauern im Kahn. In diesem Abschnitt waren auch etliche Kanuten mit Leihbooten unterwegs und
somit war im oberen Spreewald und dort vor allem in den Zentren wie Lehde und Lübbenau reger Betrieb
in den engen Fließen, aber das sollte sich auf der weiteren Fahrt ändern. Einige Schleusen mit
Selbstbedienung mussten wir durchfahren und auch eine Rollenbahn, aber alles mit wenig Kraftaufwand
und Zeitverlust. In Lübben war dann noch genügend Zeit zu einem Stadtbummel, nachdem die Zelte auf
dem Gelände des Kanuklubs aufgestellt waren.
In der grünen Natur der Spree
An den nächsten Tagen ging die Fahrt durch eine ruhige oft menschenleere Landschaft mit einigen neuen
Begegnungen mit der Natur. Es wurde wenig geredet, und daher war es auch möglich an die Vögel am
Fluss sehr dicht heranzukommen, bevor sie aufflogen. So konnten wir auch Reiher, Eisvögel und sogar
einen Adler beobachten. Ein Eisvogel flog ein paar hundert Meter vor uns her, setzte sich auf tief
hängende Zweige, und stürzte sich mehrmals etwa 10 m vor uns aufs Wasser. Er tauchte zwar nicht ein,
sondern holte sich offenbar von der Oberfläche eine Libelle oder ein anderes Insekt. Oder war das von
ihm eine gewollte Demonstration seiner Eleganz und seines Könnens?
Der Adler wurde aus einem Baum, der über den Fluss ragte, von uns aufgescheucht und rauschte mit
Getöse in etwa 10 m Entfernung vor uns davon. Bei solchen überraschenden Begegnungen kann man
leider keine Fotos machen. Nur die Reiher ließen sich aufs Bild bannen.
Dort, wo es möglich war, blieben wir auf der Spree und benutzten nicht den Oder-Spree-Kanal, weil der
langweilig gerade verläuft, aber auch wie die Spree ohne nennenswertem Schiffsverkehr ist. Mit vielen
Windungen, Seitenarmen und flachen unbefestigten Ufern behält die Spree bis kurz vor Berlin ihren
natürlichen Charakter und bietet sich als Wanderfluss für Kanuten an. Wälder, Wiesen und Sumpfgebiete
begleiten den Kanuwanderer. An einigen ausgesuchten Stellen sind Übernachtungsplätze für die
Kanuwanderer ausgewiesen, aber ohne Komfort und ohne Gebühr. Andere Kanuten nutzten diese
Möglichkeiten. So trafen wir z.B. immer wieder ein Berliner Paar im Zweier “Alte Kiste“, das auf einem
Rundkurs von Berlin über die Dahme und die Spree wieder nach Berlin unterwegs war und die
preiswerten und naturnahen Übernachtungsmöglichkeiten nutzte.
Wir zelteten meistens auf den Campingplätzen der Wassersportvereine und wurden stets freundlich und
kameradschaftlich aufgenommen. Da zu dieser Jahreszeit im September nur wenige Kanuten unterwegs
waren, konnten wir die schönsten Plätze am Wasser aussuchen und vor den Zelten herrliche
Sonnenuntergänge genießen, wie am Glower See oder auf der Halbinsel Raatsch am Neuendorfer See.
Bade und Zeltplatz am Glower See
Sonnenuntergang am Glower See
Ein besonderer Platz war aber auch das “Forsthaus an der Spree“, wo wir von der Spree wieder auf den OderSpree-Kanal einschwenkten. Dort hatten Mitglieder der RAF nach ihrer Verfolgung in der Bundesrepublik in der
DDR einen geheimen Unterschlupf in einem Hintergebäude gefunden.
Hier gab es am Abend ein Gulasch aus dem großen Kessel auf dem Platz auf offenem Feuer zubereitet und vom
Koch abgeschmeckt.
In Fürstenwalde wurde uns eine preiswerte Übernachtung im Gästehaus “Zum Strohsack“ des Ruderklubs
angeboten, was wir nicht ausschlagen konnten.
Auf der folgenden Strecke bis zum Campingplatz “Jägerbude“ hat uns dann der Regen noch erwischt, so dass wir
froh waren, dass dort ein schönes warmes Zimmer mit Bad und weichen Betten verfügbar war. Die Zelte blieben
eingepackt und die Boote mit allem nassen Gepäck konnten im trockenen Bootsschuppen lagern und waren am
nächsten Morgen fast trocken.
Jetzt lag nur noch eine kurze Strecke bis zur Endstation Kanuklub Erkner an der Stadtgrenze von Berlin vor uns.
Von dort fuhr Jürgen am nächsten Tag mit dem Zug nach Burg im Spreewald, um das Auto zu holen, während
Birgit und Werner erst einmal das Faltboot abbauten und dann einen Ausflug nach Berlin-Friedrichshagen
machten, wo Birgit in Erinnerungen an ihre Jugendzeit versank. Es war vieles noch so wie zu DDR-Zeiten: kleine
Geschäfte, Kopfsteinpflaster, nostalgische Bahnhöfe.
Dann ging es am nächsten Tag zurück nach Heidenheim.
Bericht: Werner Fork