WW Extrem-WM 2009

Wildwasser-Extrem, Weltmeisterschaft vom 1.- 4. Oktober 2009
Stefan Finsinger vom Faltbootclub Heidenheim erfolgreich
Es war ein Spektakel ohnegleichen, diese WM der Superlative auf der Ötz in
Tirol / Österreich: Schwierigstes Wildwasser, ideale äußere Bedingungen und ein
Teilnehmerfeld von 120 Top-Kajakern aus 22 Nationen, darunter die gesamte
Weltelite, viele WW-Profis, Weltmeister und Olympiasieger im Kanuslalom wie die
Deutschen Alexander Grimm, Olympiasieger in Peking 2009 und Fabian Dörfler,
Weltcupsieger im WW-Slalom 2008 – die Liste ließe sich beliebig fortführen.


Dabei waren aber
auch Stefan Finsinger
und Benni Abele vom
Faltbootclub
Heidenheim, die sich
allerdings als reine
Amateure bei der
schier übermächtigen
Konkurrenz höchstens
Außenseiterchancen
ausrechnen konnten.
Austragungsmodus
Gefahren wurde mit etwa 2,50 Meter langen Kajaks auf verschiedenen Abschnitten
der Ötz, die höchste Anforderungen an die Athleten stellten.
Zunächst galt es zwei Qualifikationsrennen auf der Mittleren Ötz (Schwierigkeitsgrad
WW IV-V) zu überstehen. Wuchtiges, rasant strömendes Wasser und verwinkelte
Abfälle waren hier die entscheidenden Kriterien, die es in einer möglichst schnellen
Zeit zu meistern galt.
Nur die besten 48 Kajaker erreichten das Finale, bestehend aus drei Rennen, das
dann auf der legendären Wellerbrückenstrecke ausgetragen wurde. In den ersten
beiden Finals kam im Duell Mann gegen Mann, natürlich nacheinander gefahren,
jeweils der Schnellere weiter, das Superfinale bestritten dann die 15 Besten der
Besten…
Die Wellerbrückenstrecke, ein Schaustück ungebändigter Naturgewalt
Dieser etwa 1,5km lange Abschnitt der Ötz zwischen den Ortschaften Habichen und
Ötz, auch als die Eiger Nordwand des Wildwassersports bezeichnet, wird mit WW VVI bewertet. Die Rennstrecke selbst weist eine Länge von 280 Metern auf.
Der Paddler bewegt sich hier in einem Labyrinth aus gewaltigen, teils hausgroßen
Felsblöcken, durch das sich bei einem Gefälle von 10% das Wasser mit einer Wucht
von ca. 30 Tonnen pro Sekunde seine Bahn bricht.
Bei diesem Tanz auf des Messers Schneide gibt es für den Fahrer in dem von der
Natur vorgezeichneten Slalom nur eine goldene Linie, wenn er erfolgreich bestehen
will. Doch meterhohe Abfälle, dahinter lauernde Walzen, die wie Mauern den Weg
versperren, Presswasser und sich auftürmende Wellenberge, die drohen, das Boot
wie einen Spielball hin und her zu werfen, müssen erst bezwungen sein.
Wer in diesem Hexenkessel die Kontrolle verliert, hat keine Chance.
Aber es geht ja nicht nur um das Kunststück, einfach heil über die Runden zu
kommen, sondern auch noch schneller als alle anderen im Ziel zu sein…
Andrew Holcombe(USA), einer der großen Favoriten: „Bei einem so harten
Wettkampf auf einer der schwierigsten WW-Strecken der Welt muss einfach jeder
Paddelschlag sitzen.“
Dem Laien erscheint das Gelingen eines solchen Unternehmens unfassbar.
Das Rennen
Freitag, 2. Oktober, Qualifikation auf der Mittleren Ötz.
SF belegt nach diesen beiden
Rennen Rang 22 und ist damit sicher im Finale. Seine Zeit ist sehr gut, nur elf
Sekunden beträgt der Abstand zum Erstplazierten. Die Spitze liegt also in greifbarer
Nähe und zudem ist manch berühmter Name bereits ausgeschieden.
Im ersten Finalrennen erwartet ihn aber mit Exweltmeister Jakobus Stenglein
(Augsburg) ein Gegner, der nur schwer zu schlagen sein würde.
Für Benni Abele lief`s leider nicht ganz so gut, er verfehlte den Sprung ins Finale um
wenige Sekunden. Trotzdem konnte er mit seinem Ergebnis zufrieden sein,
schließlich kam er beruflich bedingt meist nur am Wochenende aufs Wildwasser –
mehr als Rang 78 war bei dieser Vorbereitung einfach nicht drin.
Samstag, 3. Oktober, 10.30 Uhr, erstes Finale, Wellerbrückenstrecke.
Auf der Startrampe, etwa sechs Meter hoch über dem Fluss wartet SF in seinem
Kajak darauf, dass die Ampel auf Grün springt, ein Moment höchster Konzentration.
Sein Blick ist
nach unten
gerichtet, wo
er in wenigen
Sekunden
über die mit
80° fast
senkrechte
Felsplatte
hinabschießen
wird in das
tobende
Wasser …
Dann das
Signal. SF
erwischt einen guten Start, hält sich lange Zeit auf der Ideallinie
bis zur Einfahrt in die Schlüsselstelle. Es folgt eine 20 Meter lange Passage mit
Höchstschwierigkeit, sein Boot wird ganz kurz aus der Richtung gedrückt und noch
einmal – nach einem drei Meter hohen Wasserfall – wird er für einen Moment von der
Walze gehalten, dann ist das Ziel erreicht. Seine Zeit: 1:10,22 Min.,eigentlich
ausgezeichnet, doch Jakobus Stenglein, in der Startfolge vor ihm, fuhr bärenstark,
erzielte die viertbeste Zeit in diesem ersten Finale und deutete an, dass er ein
ernsthafter Anwärter auf den Sieg ist. Im Finale der besten 15 erkämpfte er sich
später die Bronzemedaille.
Für SF war also der Weg ins zweite Finale verbaut, was am Ende für ihn Rang 34
bedeutete, wäre jedoch nur die gefahrene Zeit entscheidend gewesen, hätte er auch
hier Rang 22 belegt. Wie dem auch sei, SF zeigte bei dieser WM, dass er zu den
ganz Großen des Wildwassersports gehört, denn auf den ersten zwanzig Plätzen
landeten ausschließlich „Profis“ und der Zeitunterschied von Rang eins zu Rang 34
betrug lediglich 10 Sekunden.
Wie sagte doch der spätere Sieger, Alexander Grimm (GER): „Auf dieser turbulenten
Strecke kann alles passieren, wer gewinnen will, braucht auch etwas Glück“.
So kann man SF und BA zu ihrem Abschneiden bei diesem Superwettbewerb nur
ganz herzlich gratulieren. Das ist ein Riesenerfolg und beim Faltbootclub Heidenheim
ist man mächtig stolz auf die Jungs. Wir wünschen den Beiden viel Glück und Erfolg
bei ihren zukünftigen Unternehmungen.
Die Vorgeschichte
Unter Kajak-Insidern, den Spezialisten für die Befahrung extremer Wildflüsse
mit einem Kajak, sind SF und BA schon lange keine Unbekannten mehr.
Die schwierigsten Flüsse in Europa, den Osten mal ausgenommen, haben sie schon
bezwungen, u.a. die Achstürze der Ötz in Österreich, die vor wenigen Jahren noch
als unfahrbar galten. Mit der Befahrung der Isornoschluchten in der Schweiz gelang
ihnen eine spektakuläre Erstbefahrung, die mit einem ausführlichen Bericht im
„Kanu-Magazin“, der Fachzeitschrift des Kanusports, gewürdigt wurde.
Etwas anderes ist es natürlich, wenn man solche Extremstrecken auch noch mit
höchstem Tempo fahren soll…
SF, im Beruf Physiotherapeut mit einer 40-Stunden-Arbeitswoche, opfert seine
gesamte Freizeit für den Sport, trainiert ca. 14 Stunden pro Woche und fährt dabei
oft drei-, viermal nach Augsburg, um sich dort auf der Olympiastrecke des Eiskanals
richtig in Form zu bringen. Doch während z.B. die deutschen WW-Slalomasse in den
Leistungszentren Augsburg und Markkleeberg (Leipzig) täglich drei Trainingseinheiten auf schwerem WW absolvieren und die Profis das ganze Jahr über die
Wildflüsse in aller Welt befahren, trainiert SF auf der träge fließenden Brenz, die mit
der berauschenden Wassermenge von 1,5 – 3 Kubikmetern aufwartet. Alternativ
muss er stundenlang im Auto sitzen, um in wilden Gewässern paddeln zu können.
WW-Fahren extrem
Auch wenn es viele erstklassige WW-Kajaker gibt, der Schwierigkeitsbereich V und
VI bleibt nur den absoluten Spezialisten vorbehalten. Kennzeichen solcher Strecken
sind: Steiles Gefälle, extreme Verblockung, meterhohe Abfälle und Walzen, die mit
Wucht auf den Fahrer hereinbrechen.
Der VI. Grad gilt als Grenze des Möglichen und die Befahrung solcher Abschnitte ist
mit einem hohen Risiko verbunden – es sei denn, der Athlet beherrscht Boot und
Wasser perfekt…
Jeder Wildfluss hat seine eigenen Gesetze, seine eigene Dynamik, nichts läuft
gleichmäßig glatt und leicht berechenbar. Nach dem Start gibt es kein Zurück, die
Strömung zieht dich immer weiter, anhalten kannst du nur im Kehrwasser hinter
einem Felsblock, sofern du es erwischst, doch damit bist du nicht unbedingt am
sicheren Ufer…
Du musst in der Lage sein, rechtzeitig aber dosiert zu beschleunigen oder zu
bremsen, das Boot im passenden Winkel zu drehen, aufzukanten, seitlich zu
versetzen und – dir bleibt keine Zeit zum Überlegen…
Oft genug könnte man meinen, die Gesetze der Physik würden außer Kraft gesetzt…
Das extreme WW-Fahren verlangt den kompletten Athleten, der hochkomplizierte,
komplexe Bewegungsabläufe traumwandlerisch sicher beherrschen muss.
Wer meint, der Kajaker säße im Boot und mache alles nur mit den Armen, irrt
gewaltig, in dieser Sportart wird die gesamte Muskulatur beansprucht und zwar
von den Fingerspitzen bis zur Sohle. Zum Anforderungsprofil gehören Kraft,
Ausdauer und Schnelligkeit, hervorragende Reaktion / Reflexe und ein ausgeprägtes Balancegefühl. Mut, eiserne Nerven und ein sicheres Auge für den
Strömungsverlauf des Wassers sowie die Berechnung von Anfahrts- und
Ausfahrtswinkeln bei der Umfahrung von Hindernissen sind weitere Voraussetzungen.
Man braucht nicht viel Phantasie um zu erkennen: Kanusport, besonders das
Befahren wilder Gewässer, ist Abenteuer pur, bietet ein grandioses Naturerlebnis
und das Schöne ist, man kann es lernen, z.B. im Faltbootclub Heidenheim und in
der von SF und BA geführten Kanuschule.
Bericht: Hartmut Uhl
Fotos: Benni Abele