Über die Dordonge von Brigitte Meyer
Angler – Kanuten, das ist immer wieder ein heikles Kapitel. Viele Angler
betrachten die Paddler als schlimme Störenfriede, die ihnen die Fische
vertreiben, die sie ganz sicher gefangen hätten, wenn da nicht gerade so ein
böser Paddler vorbeigekommen wäre! Wir alle haben schon die Bekanntschaft
mit unfreundlichen Anglern gemacht, jeder ist schon mal beschimpft worden, ja
einmal warf sogar ein wütender Fischer mit dem Angelhaken nach uns.
Ein Erlebnis ganz anderer Art hatten wir in diesem Frühjahr auf der Dordogne.
Nach zwei sehr schönen Paddelwochen auf der Loire und einigen ihrer
Nebenflüsse kamen Günter und ich Ende Mai nach Beaulieu, um mit Hans mal
wieder auf der bei uns sehr beliebten Dordogne zu paddeln. Diese hatte sehr viel
Wasser und war entsprechend schnell und spritzig. Die Strecke Argentat –
Beaulieu gilt als leichtes Wildwasser – I bis II – und bei dem sehr guten
Wasserstand waren alle Schwälle recht wuchtig. Auf der Fahrt zur Einsatzstelle
kamen wir an dem Naturwehr vorbei, das etwa 1 km oberhalb von Beaulieu liegt
und je nach Wasserstand unterschiedlich schwer sein kann.






















Wir machten lange Hälse, aber wir konnten nur so viel sehen, dass es unterhalb
des Wehres weiß schäumte und brodelte bis der Fluss um die nächste Kurve
verschwand. Und es rauschte kräftig. Hans meinte, wir könnten ja nahe an die
Abbruchkante heranfahren und dann entscheiden, ob wir fahren oder lieber
treideln wollten. Ohne Probleme und mit großem Vergnügen nahmen wir dann
die kräftigen Schwälle und kamen viel zu schnell vor dem Naturwehr an.
Hans schaute es sich an und entschloss sich zu fahren, verschwand im Gischt
und tanzte dann auf und ab in den hohen sich überschlagenden Wellen.. Günter
war schon ganz nach rechts gefahren um zu treideln. Aber das war gar nicht so
einfach, die Strömung auch am rechten Ufer reißend und viele dicke Steine
darin, er konnte das Boot kaum halten. Und gerade an dieser Stelle stand ein
Angler! Zu Günters Überraschung packte der junge Mann Günters Boot und half
es auf die Kiesbank zu ziehen und machte Günter klar, dass die Strömung viel zu
stark sei um ein Boot treideln zu können, außerdem seien ja so viele große
Steine darin.
Er redete mit großen Gesten, denn Günter spricht nicht viel französisch (z.B.
bonjour, une bière pression s’il vous plait, merci = guten Tag, bitte ein Bier vom
Fass, danke). Aber was der Angler ihm klarmachen wollte, hatte er gut
verstanden.
Dann zeigte er Günter einen schmalen Trampelpfad durch das Gestrüpp auf der
Kiesbank, den offensichtlich die Angler für sich gemacht hatten. In der
Zwischenzeit hatte ich an der Spitze des rechten Umgehungsarmes angelegt und
war auf der Suche nach Günter. Ich erreichte ihn und den freundlichen Angler
als die beiden gerade Günters Boot zu einer abwärts gelegenen guten
Einsatzstelle tragen wollten. Der junge Mann fragte etwas verdutzt, wo ich denn
herkäme, er hatte nicht bemerkt, dass da noch jemand war. Ich erklärte ihm wo
ich angelegt hatte und erkundigte mich nach der Befahrbarkeit des
Umgehungsarmes. Da winkte er aber ab, da lägen viele Bäume drin und wenn
man von der Strömung unter einen Baum gedrückt würde, dann wäre das sehr
gefährlich. Ich solle zu meinem Boot gehen, sie kämen gleich nach.
Also machte ich mich auf den Rückweg und als ich mir dabei das Wehr von der
Seite ansah, dachte ich, dass ich das eigentlich ganz gut fahren könnte, ich
müsste nur an dem dicken Felsen in der Mitte scharf rechts vorbeifahren -–na ja,
hohe Wellen, die kreuz und quer kamen, waren da schon, aber ich war nun
entschlossen zu fahren, zog meine Schwimmweste an und machte mein Boot
startklar als Günter und der Angler kamen. Ich erklärte, dass ich das Wehr
fahren würde, aber da wurde unser junger Freund energisch und schwenkte den
hoch erhobenen Zeigefinger „non, non Madame, laissez-cela, vous ne descendez
pas tout seul, nous portons votre bateau“ (nein, nein Madame, lassen Sie das, Sie
fahren nicht alleine, wir tragen Ihr Boot), sprach‘s und nahm die Bugschlaufe
meines Boots, Günter die Heckschlaufe und schon marschierten die beiden los
und mir blieb nichts anderes übrig, als den beiden über „Stock und Stein“
hinterherzustolpern in meinen nicht gerade bergsteigertauglichen Plastiksandalen. Diese hatte der fürsorgliche junge Mann zuvor kritisch und sichtlich
missbilligend gemustert.
An der Einsatzstelle angekommen schüttelte der junge Mann uns beiden kräftig
die Hand und wünschte uns freundlich gute Weiterfahrt und „bonnes vacances“,
nahm sein Angelgerät und verschwand.
Wir setzten ein und fanden bald nach der Kurve Hans in einem Kehrwasser, der
schon recht beunruhigt war, da er nicht hatte sehen können, was wir taten –
weder kamen wir im Boot das Wehr herunter, noch schwammen oder treidelten
wir an ihm vorbei. Er war recht erleichtert als er uns wohlbehalten wiedersah.
Und wenn uns künftig mal wieder ein unfreundlicher Angler ärgern sollte, dann
werden wir uns stets dankbar an diesen jungen Mann vom Naturwehr bei
Beaulieu erinnern, der uns gezeigt hat, dass es auch anders geht.
Heidenheim, im Juni 2004
Brigitte Meye